Das Überraschungsei

Foto Greg Gjerdingen

Über Retro-Design gehen die Meinungen auseinander: Puristen rümpfen die Nase, wenn ein neues Auto sich allzu offensichtlich an einer Optik orientiert, von der man sich eigentlich schon vor Jahrzehnten (und aus guten Gründen) verabschiedet hat. Der Design-Grundsatz „Form follows function“ wird hier regelrecht ad absurdum geführt. Die Käufer hingegen stört das kaum. Für sie ist ein Retro-Modell so etwas wie die Quadratur des Kreises: ein Auto, das optisch einen Klassiker, an den sie vielleicht noch sentimentale Erinnerungen hegen, wiederaufleben lässt und gleichzeitig alle Vorzüge und Bequemlichkeiten der modernen Automobiltechnik bietet.

Das Concept Car, das Volkswagen 1994 auf der Motor-Show in Detroit vorstellte, sollte eigentlich mit inneren Werten überzeugen: Innovative Antriebstechnik, so war geplant, sollte den Kleinwagen besonders emissionsarm machen. Doch tatsächlich war es die Form von „Concept 1“, die als Sensation angesehen wurde: Die Karosserie war augenscheinlich eine moderne Version des VW Käfers, jenes Modells, mit dem Volkswagen in den 50er- und 60er-Jahren weltberühmt geworden war. Dessen Produktion in Deutschland war 20 Jahre zuvor eingestellt worden, niemand hatte mit seinem Comeback gerechnet.

Der unerwartete Publikumszuspruch veranlasste VW, den „New Beetle“ 1998 tatsächlich in Serie zu produzieren. Das innovative Antriebskonzept hatte man allerdings in der Schublade verschwinden lassen – der Beetle fuhr mit konventionellen Motoren. Der Antrieb unterschied sich zudem deutlich vom Käfer: Statt Heckantrieb und Boxermotor hatte der New Beetle Frontantrieb und Reihenmotoren – im Grunde handelte es sich um einen normalen VW Golf, nur mit einer modifizierten Karosserie. Doch das reichte: Mit seinen runden Formen, den freistehenden Kotflügeln und den Kulleraugen-Scheinwerfern unterschied sich das „Überraschungsei“ (wie es der „Spiegel“ nannte) deutlich von anderen Wagen seiner Klasse. Besonders bei Frauen kam er an, er galt als hip und wurde vor allem in den USA ein großer Erfolg.

In Deutschland blieben die Verkäufe jedoch hinter den Erwartungen zurück. Das geänderte Antriebskonzept störte eingefleischte Käfer-Fans, außerdem war der Beetle um einiges teurer als ein technisch gleichwertiger Golf. 2019, nach 1,1 Millionen Exemplaren, stellte VW die Produktion ein.

An die Bedeutung des Käfers reicht der New Beetle sicher nicht heran. Doch auf seine Art hat auch er Spuren hinterlassen: Denn einige Jahre später sprangen andere Hersteller (wie BMW mit dem Mini oder Fiat mit dem 500er) auf den Trend auf und brachten ebenfalls Modelle mit einer eindeutigen Retro-Optik heraus.