Interview: „Für die letzten fünf Prozent braucht‘s ein geübtes Auge“

Dr. Gundula Tutt

Die Restauratorin Dr. Gundula Tutt gilt nicht nur in Deutschland, sondern auch international als eine der renommiertesten Expertinnen für historische Autolacke. Ihre Expertise ist bei vielen Classic-Car-Restaurierungen gefragt. Im Interview spricht sie über alte und neue Lacke, die Grenzen der digitalen Farbtonmesstechnik und den anhaltenden Boom auf dem Markt für Old- und Youngtimer.

Frau Dr. Tutt, welche Kriterien stehen für Sie im Mittelpunkt, wenn Sie eine Lackrestaurierung vornehmen wollen?

Dr. Gundula Tutt: Das lässt sich kaum verallgemeinern. Für mich gilt immer: Das Fahrzeug an sich ist der Maßstab. Der Zustand der Materialien gibt den Ausschlag. Als Restauratorin halte ich es für wünschenswert, dass man ein Fahrzeug – vor allem, wenn es ein seltenes oder historisch bedeutsames Exemplar ist – nicht „überrestauriert“. Man sollte ihm sein Alter ruhig ansehen, gerade beim Lack. Ich halte mich daher an die Regel: So viel wie nötig, so wenig wie möglich.

Lassen sich 80, 90 oder gar 100 Jahre alte Fahrzeugoberflächen überhaupt noch originalgetreu restaurieren? Oder muss man zu Ersatzmaterialien greifen?

Dr. Tutt: Gesetzlich erlaubt ist das für Oldtimer ja immer noch. Bedauerlicherweise bieten viele Lackhersteller historische Lacksysteme nicht mehr an. Standox ist da eine löbliche Ausnahme: Standox verfügt noch über das Material, die Technik und vor allem das Know-how, um beispielsweise einen Nitrokombilack zu liefern. Das ist inzwischen ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Darüber hinaus haben die Kollegen in Wuppertal auch das coloristische Wissen, um einen alten Farbton nachzustellen.

Was halten Sie in diesem Zusammenhang von modernen digitalen Farbtonmessgeräten?

Dr. Tutt: Diese Geräte sind auf jeden Fall hilfreich, um sich einem historischen Farbton anzunähern. Aber nach meiner Erfahrung bekommen sie die letzten fünf Prozent nicht immer hin – und gerade die machen manchmal einen echten Qualitätsunterschied aus. Für diese fünf Prozent braucht‘s weiterhin ein geübtes Auge, das solch feine Nuancen erkennt.

Warum ist es aufwendiger, historische Lacke zu verarbeiten?

Dr. Tutt: Autolacke wurden – schon wegen der unterschiedlichen chemischen Zusammensetzung – früher anders aufgetragen als heute. So war zum Beispiel der Lackunterbau oft deutlich dünner als bei heutigen Lackierungen – das bedeutet besonders akkurate Auftrags- und Schleifarbeit und mehr dünne Spritzgänge. Das macht sich dann mit sehr klaren Konturen an der Oberfläche bemerkbar. Historische Metallic-Farbtöne wurden auch nicht klarlackiert. Der Lackierer muss sich in seiner Arbeitsweise also umstellen. Auch die Technik spielt eine Rolle: Für Nitro- und Kunstharzlacke beispielsweise braucht es in den Lackierkabinen besondere Filter. Diese Extra-Arbeiten werden aber von den Originalitäts-orientierten Kunden in Kauf genommen.

Wäre es da nicht einfacher, zum Beispiel bei einer Komplettlackierung einen modernen Lack einzusetzen?

Dr. Tutt: Bis zu einem gewissen Grad funktioniert das – aber eben nur bis zu einem gewissen Grad. Nach meiner Erfahrung lässt sich eine wirklich originalgetreue Übereinstimmung so nicht erreichen. Das bedeutet nicht, dass aktuelle Lacke nicht gut wären, sondern liegt beispielsweise daran, dass besondere Schwarzpigmente oder typische Flakes für Metallic-Lackierungen da einfach nicht verfügbar sind.

Der Bestand an Old- und Youngtimern steigt hierzulande seit Jahren. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Dr. Tutt: Ich glaube nicht, dass diese Entwicklung endlos so weitergeht. Gut, die Fahrzeuge, die jetzt ins gesetzte Oldtimer-Alter kommen, sind meist korrosionsbeständiger als ihre Vorgänger. Doch dafür begrenzen andere Faktoren ihre Lebensdauer: Sie enthalten beispielsweise viel mehr Elektronik als früher, und die lässt sich nicht so einfach reparieren oder ersetzen. Außerdem sind in diesen Fahrzeugen mehr Kunststoffe verbaut, die nicht ewig halten – manche werden irgendwann spröde und zerbröseln. Oder tragende Teile sind nicht mehr verschweißt, sondern verklebt – all das schränkt die Möglichkeiten einer Restaurierung ein. Daher fürchte ich, dass viele Fahrzeuge, die seit den 90er gebaut worden sind, auf Dauer nicht erhalten werden können.